Mario Ceroli (Castel Frentano, 1938) zählt zu den Hauptvertretern der zeitgenössischen italienischen Bildhauerei. Seine künstlerische Forschung zeichnet sich durch die Verwendung von unbehandeltem Holz aus, das durch ausgeschnittene und wiederholte Silhouetten in Figuren, Objekte und Raumstrukturen verwandelt wird. Den Strömungen der italienischen Pop-Art und der Arte Povera nahestehend, entwickelt er eine eigene Sprache, in der Bildhauerei, Malerei, Architektur und Bühnenbild ständig miteinander in Dialog treten. Werke wie Leonardos Mensch, Das letzte Abendmahl, China und Sixtinische Kiste zeugen von seiner Fähigkeit, bekannte Bilder in monumentale Konstruktionen zu verwandeln. Sein Schaffen umfasst außerdem Keramiken, Zeichnungen, Theaterarbeiten und Experimente mit unterschiedlichen Materialien.
Die Ausbildung in Rom
Mario Ceroli wird am 17. Mai 1938 in Castel Frentano in der Provinz Chieti geboren.
Schon als Kind zieht er nach Rom und besucht das Kunstinstitut.
Seine Ausbildung entwickelt sich im Austausch mit Künstlern wie Leoncillo Leonardi, Pericle Fazzini und Ettore Colla.
Das Rom der Nachkriegszeit ist von tiefgreifenden Veränderungen geprägt.
Die traditionelle Bildhauerei wird zunehmend durch Forschungen ergänzt, die Materialien, Objekten und dem Raum größere Bedeutung beimessen.
Schon zu Beginn zeigt Ceroli Interesse am Aufbau von Formen und am Verhältnis zwischen Kunstwerk und Umgebung.
Die ersten Keramiken
In den Fünfzigerjahren widmet sich Ceroli der Keramik.
1958 hat er seine erste Einzelausstellung in der Galleria San Sebastianello in Rom.
Die Keramik ermöglicht ihm, das Verhältnis zwischen Materie und Volumen zu erkunden.
Die Auseinandersetzung mit dem Werk Leoncillos trägt dazu bei, die Ausdrucksmöglichkeiten des Materials kennenzulernen.
Diese Phase geht der Entscheidung für Holz voraus, das zum bekanntesten Medium seines Schaffens wird.
Die Entdeckung des Holzes
Ab der zweiten Hälfte der Fünfzigerjahre entwickelt Ceroli ein wachsendes Interesse an Holz.
Das Material wird häufig verwendet, wobei seine ursprünglichen Eigenschaften erhalten bleiben.
Die Oberflächen können unbearbeitet bleiben und Maserungen sowie Unebenheiten zeigen.
Diese Wahl ermöglicht es, die Vorstellung von Skulptur als Modellierung einer kompakten Masse zu überwinden.
Stattdessen arbeitet der Künstler mit Schneiden, Zusammenfügen und Konstruieren.
Holz wird zum Mittel, Bilder und Konzepte in dreidimensionale Strukturen zu verwandeln.
Die Silhouetten
In den sechziger Jahren entwickelt Ceroli die Bildsprache der ausgeschnittenen Silhouetten.
Menschliche Figuren, Buchstaben, Zahlen und Gegenstände werden in Holzsilhouetten verwandelt.
Die Formen können wiederholt und in Reihen angeordnet werden.
Die Wiederholung erzeugt eine besonders intensive visuelle Wirkung.
Das individuelle Bild wird Teil einer kollektiven Struktur.
Das Verfahren steht im Dialog mit der Popkultur, bewahrt aber eine starke Aufmerksamkeit für das Material.
Die Galleria La Tartaruga
1964 stellt Ceroli in der Galleria La Tartaruga di Roma aus, einem der wichtigsten Zentren des italienischen künstlerischen Experiments.
Sie zeigt Buchstaben, Zahlen und Alltagsgegenstände aus Holz.
Die Ausstellung trägt zur Herausbildung seiner Bildsprache bei.
Der Künstler setzt sich mit der Verwandlung des gewöhnlichen Gegenstands in ein Kunstwerk auseinander.
Die Wahl des Holzes bringt jedoch eine andere materielle Dimension ein als die industriell geprägten Bilder der amerikanischen Pop-Art.
Uomo di Leonardo
Zu den grundlegenden kunstwerken zählt Uomo di Leonardo aus dem Jahr 1964.
Ceroli gestaltet das Bild des vitruvianischen Menschen von Leonardo da Vinci in seiner eigenen Bildsprache neu.
Der Bezug zur Renaissance-Tradition wird in eine zeitgenössische Struktur verwandelt.
Das Werk zeugt von einem anhaltenden Interesse an der Kunstgeschichte.
Die Bilder der Vergangenheit werden nicht einfach nachgeahmt, sondern mithilfe anderer Materialien und Verfahren neu interpretiert.
L'ultima cena
1965 schafft Ceroli L'ultima cena, das heute in der Galleria Nazionale d'Arte Moderna e Contemporanea in Rom aufbewahrt wird.
Das Werk greift das berühmte leonardeske Motiv auf.
Die Figuren werden in Holzsilhouetten verwandelt.
Die Komposition erhält eine bühnenbildartige Dimension.
Die Wiederholung und Anordnung der Formen tragen zur Gestaltung des Raums bei.
Das Werk ist eines der bedeutendsten Beispiele für den Dialog zwischen Tradition und Experiment.
Cassa Sistina
1966 schafft Ceroli Cassa Sistina, ein kunstwerk, das auf der Biennale von Venedig mit dem Premio Gollin ausgezeichnet wurde.
Das Projekt setzt sich mit dem Verhältnis zwischen Objekten, Behältnis und Raum auseinander.
Die Konstruktion wird zu einem wesentlichen Bestandteil des Kunsterlebnisses.
Die Skulptur ist nicht mehr nur eine isolierte Form.
Sie präsentiert sich als ein Ensemble, das den Raum einbezieht.
La Cina
Ein weiteres grundlegendes kunstwerk ist La Cina aus dem Jahr 1966.
Die Installation wird durch die Wiederholung menschlicher Silhouetten gestaltet.
Der Betrachter nimmt eine Folge von Figuren wahr, die den Raum einnehmen.
Die Serialität wird zum zentralen Kompositionsprinzip.
Das Werk nimmt einige zentrale Fragestellungen der zeitgenössischen Environmental Art vorweg.
Die Beziehung zwischen Körper, Bild und Raum erhält eine immersive Dimension.
New York und internationale Anerkennung
Zwischen 1966 und 1967 hält sich Ceroli in New York auf.
Er stellt in der Bonino Gallery aus.
Die Auseinandersetzung mit der amerikanischen Kunstszene trägt zur internationalen Verbreitung seiner Arbeit bei.
Die Erfahrung fällt in eine Zeit, in der Pop Art, Minimalismus und neue Formen der Installation die künstlerische Sprache tiefgreifend verändern.
Ceroli bewahrt jedoch eine eigenständige Position, die auf der Verwendung natürlicher Materialien und der Gestaltung wiedererkennbarer Bilder beruht.
Die Beziehung zur Arte Povera
1967 nahm er an wegweisenden Ausstellungen zur Entstehung der Arte Povera teil, darunter Arte povera – Im Spazio in Genua.
Die Verwendung von Holz, Stroh und anderen unkonventionellen Materialien rückt einige seiner Arbeiten in die Nähe der Bewegung.
Sein Werk bewahrt jedoch spezifische Merkmale.
Die figurative und bühnenbildnerische Dimension bleibt zentral.
Theater und Bühnenbild
Ceroli entfaltet eine rege Tätigkeit als Bühnenbildner.
Das Theater ermöglicht es ihm, seine Erforschung des Verhältnisses zwischen Figuren und Raum auszuweiten.
Die Konstruktionen werden zu begehbaren Räumen und Strukturen, die mit den Bewegungen der Schauspieler in Dialog treten.
Bühnenbild ist keine Nebentätigkeit.
Sie ist eine natürliche Erweiterung seiner bildhauerischen Forschung.
Materialien und Experimente
Obwohl Ceroli vor allem für seine Arbeit mit Holz bekannt ist, verwendet er zahlreiche Materialien.
Sein Schaffen umfasst Werke aus Bronze, Keramik und Marmor sowie Assemblagen aus verschiedenen Materialien.
1969 schuf er Ich, Eispyramide, eine Installation aus Eis, die eine Reflexion über die Verwandlung der Materie einleitet.
Das Experimentieren zeugt von einem offenen Verständnis der Skulptur.
Die Werke der Reifezeit
In den Achtziger- und Neunzigerjahren entwickelte Ceroli die Themen Tor, Treppe und menschliche Figur weiter.
Zu den dokumentierten kunstwerken zählen Das Tor, Das letzte Abendmahl und Der vitruvianische Mensch.
Sein Schaffen steht weiterhin im Dialog mit der Architektur und der Kunstgeschichte.
Das Verhältnis zwischen Struktur und Raum bleibt grundlegend.
Das künstlerische Erbe
Mario Ceroli nimmt eine eigenständige Stellung in der zeitgenössischen italienischen Kunst ein.
Seine künstlerische Forschung trug dazu bei, die traditionellen Grenzen der Skulptur zu überwinden.
Durch Holz und andere Materialien verwandelte er wiedererkennbare Bilder in Strukturen, die den Raum und den Betrachter einbeziehen.
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