HAYTER Stanley William
Für Stanley William Hayter war die Druckgrafik kein Medium, das dazu bestimmt war, andernorts bereits erfundene Bilder zu wiederholen, sondern ein Labor, in dem sich Formen entdecken ließen, die erst durch die Arbeit an der Druckplatte möglich wurden. Der 1901 in London geborene britische Maler und Grafiker trug dazu bei, den Stellenwert der Grafik in der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts grundlegend zu verändern. Seine Bedeutung beruht sowohl auf seinen kunstwerke, die von dynamischen Linien und sich ständig wandelnden Strukturen durchzogen sind, als auch auf der Gründung des Atelier 17, einem der einflussreichsten Orte für internationale Experimente im Tiefdruck.
Von der wissenschaftlichen Ausbildung zum Atelier 17
Bevor Hayter sich ganz der Kunst widmete, studierte er Chemie und Geologie und arbeitete eine Zeit lang in der Erdölindustrie in Persien. Diese Erfahrungen verschafften ihm eine praktische Vertrautheit mit Materialien und physikalischen Prozessen, die sich für seine Arbeit als Grafiker als wertvoll erweisen sollte. Nachdem er 1926 nach Paris gezogen war, kam er durch die Begegnung mit Joseph Hecht zur Druckgrafik und erkannte rasch, dass eine Metallplatte nicht nur eine zu bearbeitende Fläche war, sondern eine Oberfläche, die unerwartete visuelle Effekte hervorbringen konnte. 1927 eröffnete er eine Druckwerkstatt, die nach dem Umzug in die rue Campagne-Première 1933 den Namen Atelier 17 erhielt.
Der innovative Charakter dieses Ateliers beruhte nicht nur auf den angewandten Techniken. Hayter förderte ein Umfeld der Zusammenarbeit, in dem Künstler mit sehr unterschiedlichen Erfahrungen direkt mit Werkzeugen, Säuren, Walzen und Druckfarben experimentieren konnten. Lernen erfolgte durch Versuche und Diskussionen, ohne einen einheitlichen Stil vorzugeben. Auf diese Weise trug das Atelier 17 dazu bei, die Forschungen des Surrealismus mit anderen Ausdrucksformen der Avantgarde in Verbindung zu bringen und die Druckgrafik zu einem gemeinsamen Feld der Erfindung zu machen, statt sie als vom zeitgenössischen Malen getrenntes Handwerk zu betrachten.
Das Zeichen, der Automatismus und die bewegten Formen
Der Bezug zum Surrealismus zeigt sich vor allem in Hayters Interesse am Automatismus und an den kreativen Möglichkeiten einer Geste, die nicht vollständig im Voraus kontrolliert wird. Seine Kompositionen werden oft von Linien durchzogen, die sich verflechten, ausdehnen oder durch einen instabilen Raum zu fließen scheinen. Manchmal deuten sie Figuren und Körper an, ein anderes Mal erinnern sie an Strömungen, organische Strukturen oder Bewegungen, die sich nur schwer genau bestimmen lassen. Diese Mehrdeutigkeit entsteht nicht aus mangelnder Klarheit, sondern aus dem Wunsch, das Bild für möglichst viele Assoziationen offenzuhalten.
Hayter arbeitete mit Stichel, Radierung, Kaltnadel und Weichgrundätzung und verwendete auch Materialien, mit denen sich Muster und Texturen in die Druckplatte prägen ließen. Jede Technik bringt eine andere Beziehung zur Linie mit sich: Der Stichel erfordert einen direkten, kontrollierten Schnitt, während bei der Radierung ein Teil der Bearbeitung der Platte dem Ätzmittel überlassen werden kann. LDer Künstler nutzte diese Unterschiede, um Bilder zu schaffen, in denen die Bewegung der Linie auf Tiefe, Druck und den Widerstand des Materials trifft. Das Ergebnis ist eine Grafik, die die Zeichnung nicht nachahmt, sondern die eigenen Ausdrucksqualitäten des Drucks sichtbar macht.
Die Revolution des Farbdrucks
Einer der bedeutendsten Beiträge der im Atelier 17 durchgeführten Forschungen betrifft den gleichzeitigen Mehrfarbendruck mit Druckfarben unterschiedlicher Viskosität. Das Prinzip beruht auf dem Verhalten von Druckfarben mit unterschiedlichen Eigenschaften, die mithilfe von Walzen und speziellen Verfahren auf eine mehrstufig bearbeitete Druckplatte aufgetragen werden. Unter entsprechend vorbereiteten Bedingungen können sich die Farben selektiv auf der Platte verteilen und den Druck eines mehrfarbigen Bildes in einem einzigen Pressengang ermöglichen. Hinter dieser scheinbar einfachen Beschreibung steckt eine komplexe experimentelle Arbeit, zu der mehrere Künstler und Mitarbeiter der Werkstatt beitrugen.
Die Erforschung der Viskosität erweiterte die Möglichkeiten des Tiefdrucks enorm, denn sie erlaubte es, Farbe nicht als bloße nachträgliche Ergänzung der Linie zu betrachten, sondern als integralen Bestandteil der Druckstruktur. Während des Zweiten Weltkriegs zog Hayter in die Vereinigten Staaten und gründete das Atelier 17 in New York neu, wo die Werkstatt zu einem Treffpunkt für emigrierte europäische Künstler und führende Vertreter der neuen amerikanischen Kunstszene wurde. Nach seiner Rückkehr nach Paris im Jahr 1950 setzte er seine künstlerische und pädagogische Arbeit fort und veröffentlichte unter anderem New Ways of Gravure und About Prints, die dazu beitrugen, eine moderne Auffassung der Originalgrafik zu verbreiten.
Eine neue Vorstellung von der Gravur
Hayter starb 1988 in Paris und hinterließ ein Vermächtnis, das weit über seinen Katalog an kunstwerke hinausgeht. Seine Lehre besteht darin, gezeigt zu haben, dass die Technik die Erfindung nicht einschränkt, sondern anregen kann: Eine andere Art, eine Platte zu gravieren oder eine Druckfarbe aufzutragen, kann zuvor ungeahnte Ausdrucksmöglichkeiten eröffnen. Deshalb erfordern seine Drucke einen aufmerksamen Blick für den materiellen Aufbau des Bildes, die Überlagerung der Zeichen und das Verhalten der Farbe. In Hayters Werk sind technische Experimente und poetische Forschung keine getrennten Tätigkeiten, sondern Aspekte desselben kreativen Prozesses.
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