BENTIVOGLIO Mirella - EmporiumArt

BENTIVOGLIO Mirella

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Mirella Bentivoglio (Klagenfurt, 1922 – Rom, 2017) war eine italienische Künstlerin, Dichterin und Kunstkritikerin sowie eine bedeutende Vertreterin der visuellen Poesie und der verbo-visuellen Kunst. In ihrer künstlerischen Recherche verwandelte sie Buchstaben, Wörter und Bücher in Bilder, Objekte und Installationen und stellte die Grenzen zwischen Schrift und bildender Kunst infrage. Mit Werken wie Käfig: Ho, Das Ei von Gubbio und Umgekehrter Baum entwickelte sie eine auf wiederkehrenden Symbolen wie dem Ei, dem Baum und dem Buch beruhende Sprache. Neben ihrer künstlerischen Arbeit spielte sie eine entscheidende Rolle bei der Förderung zeitgenössischer Künstlerinnen und kuratierte 1978 auf der Biennale von Venedig die Ausstellung Materialisierung der Sprache.

Ausbildung und erste literarische Interessen

Mirella Bentivoglio wird am 27. März 1922 in Klagenfurt, Österreich, als Tochter italienischer Eltern geboren.

Sie wächst in Mailand auf und absolviert Sprachstudien in der Schweiz und in England.

Ihre Ausbildung ist eng mit Literatur und Poesie verbunden.

1943 veröffentlicht sie Garten, ihren ersten Gedichtband.

In dieser Phase ist das Wort noch das wichtigste Ausdrucksmittel.

Nach und nach beginnt Bentivoglio jedoch, die Möglichkeit zu hinterfragen, Schrift in ein autonomes Bild zu verwandeln.

Das Interesse an der Bedeutung der Wörter erstreckt sich so auch auf ihre visuelle Form.

Die konkrete und visuelle Poesie

Seit der zweiten Hälfte der Sechzigerjahre entwickelt Mirella Bentivoglio eine künstlerische Recherche im Bereich der konkreten und visuellen Poesie.

Buchstaben werden nicht mehr nur als Elemente eines zu lesenden Textes betrachtet.

Sie können zu Figuren, geometrischen Strukturen und Symbolen werden.

Die Anordnung der Wörter auf der Fläche erhält eine eigenständige Bedeutung.

Die Künstlerin nutzt Wiederholungen, Isolierungen und typografische Veränderungen, um Bilder zu schaffen, in denen Lesen und Betrachten zusammenfallen.

Das Wort wird aus der linearen Abfolge des Satzes befreit.

Die Betrachtenden sind eingeladen, zugleich die sprachliche Bedeutung und die grafische Präsenz des Zeichens zu erkennen.

Käfig: Ho und die Verwandlung der Buchstaben

Zu den ersten bedeutenden Werken gehört Käfig: Ho (1966).

Das werk zeugt vom Interesse der Künstlerin an den visuellen und konzeptuellen Möglichkeiten der Buchstaben.

Schrift wird in eine Struktur verwandelt, die über die bloße Kommunikationsfunktion hinausgeht.

Die Beziehung zwischen Wort und Bild erzeugt eine gewollte Mehrdeutigkeit.

Die Buchstaben behalten ihren sprachlichen Wert, werden aber auch zu Elementen einer Komposition.

Diese Transformation bildet eines der grundlegenden Prinzipien von Bentivoglios Recherche.

Schwarze Blume und die Bilder des Wortes

1971 schafft die Künstlerin Schwarze Blume, ein werk, das zur Phase des verbo-visuellen Experimentierens gehört.

Sprache wird durch ein Bild interpretiert, das weitere Bedeutungen nahelegen kann.

Die Beziehung zwischen Zeichen und Figur beschränkt sich nicht auf die Darstellung eines Motivs.

Bentivoglio versucht vielmehr zu zeigen, wie ein Wort zu einem visuellen Organismus werden kann.

Das poetische Bild wird nicht beschrieben, sondern direkt mithilfe der Elemente der Schrift gestaltet.

Pagina-finestra und die dreidimensionale Poesie

Mit Pagina-finestra (1971) vertieft Bentivoglio den Übergang von der Fläche des Blatts zum dreidimensionalen Raum.

Die Seite ist nicht mehr nur der Ort, auf den ein Text geschrieben wird.

Es wird zu einem Objekt mit eigener körperlicher Präsenz.

Diese Verwandlung ebnet den Weg für Objektbücher und Installationen.

Die poetische Sprache beginnt so, den realen Raum einzunehmen.

Das Lesen kann die Bewegung der betrachtenden Person und die Wahrnehmung des Materials einbeziehen.

Das Ei als Symbol für Ursprung und Verwandlung

Eines der wichtigsten Symbole im Schaffen Mirella Bentivoglios ist das Ei.

Seine einfache und universelle Form ermöglicht es, Themen wie Ursprung, Geburt, Verwandlung und Identität zu behandeln.

Die Künstlerin verwendet das Symbol in verschiedenen Kunstwerken und verleiht ihm je nach Kontext wechselnde Bedeutungen.

Das Ei kann als Naturform, Bild der Entstehung oder symbolische Struktur gedeutet werden.

Diese Fülle an Assoziationen macht es besonders geeignet für eine künstlerische Auseinandersetzung, die Bild und Bedeutung immer wieder miteinander in Beziehung setzt.

L'Ovo di Gubbio von 1976

1976 schuf Mirella Bentivoglio L'Ovo di Gubbio, eines ihrer bedeutendsten öffentlichen Kunstwerke.

Die Skulptur besteht aus lokalem Stein und ist mit einer Tradition der Stadt verbunden, die sich auf die Gewalt an Frauen bezieht, denen Ehebruch vorgeworfen wurde.

Die Künstlerin verwandelt das mit der Steinigung verbundene Material in ein Bild von Geburt und Erneuerung.

So wird das Ei zum Symbol der Verwandlung.

Das Kunstwerk setzt historische Erinnerung, die Situation der Frau und symbolische Sprache in Beziehung.

Sie gilt als bedeutendes Beispiel feministischer Kunst im öffentlichen Raum.

Seine Stärke liegt darin, mit einer schlichten Form ein komplexes historisches und gesellschaftliches Thema zu behandeln.

Das Buch als Kunstobjekt

Ein weiteres zentrales Thema ist das Buch.

Bentivoglio schafft zahlreiche Kunstwerke, in denen der Band seine traditionelle Funktion als Textträger verliert.

Das Buch kann durch unterschiedliche Materialien verwandelt, geöffnet, eingeschnitten oder neu interpretiert werden.

Kunstwerke wie Der Same des Buches (1982) und Buch-Feld (1998) zeugen von dieser Auseinandersetzung.

Die Seite und der Einband werden zu plastischen Elementen.

Das Lesen wird zu einem visuellen und symbolischen Erlebnis.

Das Buch wird nicht als kulturelles Objekt zerstört, sondern durch neue Ausdrucksmöglichkeiten neu interpretiert.

Der Baum und Arbor inversa

Neben Ei und Buch zählt der Baum zu den wiederkehrendsten Symbolen.

In Arbor inversa (1979) setzt sich Bentivoglio mit dem Thema Baum auseinander, indem sie seine gewohnte Struktur verändert.

Das Bild erinnert an Vorstellungen von Verwurzelung, Wachstum und der Beziehung zwischen gegensätzlichen Elementen.

Die Umkehrung verändert das Verhältnis zwischen dem, was sich normalerweise oben befindet, und dem, was unter der Oberfläche verborgen bleibt.

Die natürliche Form wird so zu einem Mittel, über Erkenntnis, Erinnerung und Veränderung nachzudenken.

Materialisierung der Sprache auf der Biennale 1978

1978 kuratierte Mirella Bentivoglio auf der Biennale von Venedig die Ausstellung Materialisierung der Sprache.

Die Ausstellung vereint die verbo-visuellen Arbeiten von rund achtzig internationalen Künstlerinnen.

Das Projekt ist ein entscheidender Moment für die Anerkennung des Beitrags von Frauen zu zeitgenössischen künstlerischen Experimenten.

Bentivoglio beschränkt sich nicht darauf, Werke der visuellen Poesie zu präsentieren.

Sie gestaltet einen Rundgang, der die Beziehung zwischen Frauen, Sprache und Darstellung hervorhebt.

Die Ausstellung hat historischen Wert, weil sie Erfahrungen sichtbar macht, die in den vorherrschenden kunsthistorischen Erzählungen oft am Rand geblieben sind.

Die Installationen und die räumliche Dimension

In den 1980er-Jahren erweiterte Bentivoglio ihre künstlerische Forschung weiter.

In Operazione Orfeo – Das Ei in der Höhle, entstanden zwischen 1982 und 1985, wird das Symbol des Eis in einen räumlichen Kontext eingefügt.

Die Beziehung zwischen Form und Raum rückt in den Mittelpunkt.

Das Werk beschränkt sich nicht darauf, ein Objekt zu präsentieren, sondern schafft eine visuelle Situation, in der der Betrachter mit einem symbolischen System in Beziehung tritt.

Auch ihr späteres Werk erforscht weiterhin die Grenzen zwischen Poesie, Skulptur und Installation.

Das künstlerische Vermächtnis

Mirella Bentivoglio starb am 22. März 2017 in Rom.

Ihr Werk trug maßgeblich dazu bei, die Trennung zwischen Wort, Bild und Objekt zu überwinden.

Mit Buchstaben, Büchern, Eiern und Bäumen entwickelte sie eine unverwechselbare Sprache, die formale Experimente und kulturelle Reflexion miteinander verbindet.

Ihre historische Rolle hängt auch mit der Würdigung von Künstlerinnen durch Ausstellungen, Studien und kunstkritische Arbeit zusammen.

Ihre Forschung zeigt, wie Poesie die Seite verlassen und sich in eine konkrete Präsenz im Raum verwandeln kann.

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